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Radka Denemarková – Erfahrungen aus Taiwan

Anfang Januar ist die tschechische Autorin Radka Denemarková ins taiwanesische Tainan zu einem Residenzaufenthalt des Tschechischen Literaturzentrums geflogen. Nicht lange nach ihrer Ankunft verbreitete sich dort das Corona-Virus, und Radka Denemarková erlebte viel früher als wir hier in Europa, wie ein Land sich gegen das Virus zu wappnen begann. Auch aus den deutschen Medien wissen wir inzwischen, dass die Maßnahmen in Taiwan sehr schnell einsetzten und außerordentlich effizient waren. Die Autorin, die wir auch aus ihren Texten und zahlreichen Interviews als sehr engagiert kennen, wollte die schwierige Situation zu Hause nicht aus der sicheren Entfernung betrachten. Im März schlug sie sich mit medizinischen Schutzmasken nach Prag durch, um das auch dort dringend benötigte Schutzmaterial an Ärzte weiterzugeben. Für die tschechischen Leser und Leserinnen hat sie ihre Erfahrungen aus Taiwan und damit verbundene allgemeinere Überlegungen in drei Blog-Einträgen zusammengefasst, einige ihrer Beobachtungen und Gedanken geben wir hier in deutscher Übersetzung wieder.

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Hier gab es keine Panik, auch keinen übertriebenen Optimismus, es begann einfach eine Zeit der erhöhten Wachsamkeit. Und alle Empfehlungen hatten vor allem eine psychologische Bedeutung, die Menschen hatten nicht das Gefühl der Machtlosigkeit. Die Fälle in Europa und fast überall anderswo außerhalb Asiens sind von Menschen verursacht, die mit dem Flugzeug einreisten und die theoretisch rechtzeitig hätten kontrolliert werden können. Das Virus hält keine Grenze und kein Maschinengewehr auf, es ist kein chinesisches, sondern ein menschliches Virus, das ein gemeinsames Vorgehen und die Solidarität aller Länder erfordert. Der Krisenstab von Experten hier vor Ort hat darauf geachtet, dass das Leben normal weiterging, denn Panik und Stress schwächen den menschlichen Organismus und seine Immunität.   

Auszug aus: Wie die Corona-Epidemie in Taiwan gemeistert wurde, 2. Teil
15. März 2020

 

… Die Bereitschaft der Öffentlichkeit, die Eilerlasse der Regierung zu befolgen, erleichterte den taiwanesischen Behörden das Vorgehen. Die Mehrzahl der Taiwanesen hat die SARS-Epidemie miterlebt, viele erinnern sich an diese schwierige Periode. Die neue Epidemie hat in den Menschen zugewandte Solidarität und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit geweckt. Es wird viel mehr über gegenseitige und soziale Hilfe gesprochen als über die Wirtschaft. Nichts im Leben ist so wichtig wie Freundschaft. Taiwan hat in bedeutender Weise in die wissenschaftliche Forschung im Bereich der Medizin investiert, in den letzten Jahrzehnten existiert die Gefahr von Seiten Chinas und auch seiner biochemischen Waffen. Forschungsteams begannen sofort an der massenweisen Herstellung von COVID-19-Tests zu arbeiten. Ziel war ein Schnelltest, dessen Ergebnis nach zwanzig Minuten zur Verfügung steht. 

Taiwan hat versucht, einer Ausgangssperre zuvorzukommen. Auch hier kam es in der Vergangenheit (in der Zeit der Besatzung und des weißen Terrors) im Namen der „Sicherheit“ zum Missbrauch von Macht. Man weiß, dass man einen Bürger nicht darauf reduzieren kann, ein „Virus-Überträger“ zu sein, dass man ihm nicht die menschliche Würde nehmen darf, seine Freiheit nicht einschränken, die Institutionen nicht lahmlegen darf, was zu weiterer Unsicherheit führt. Die Globalisierung bringt ein Problem mit sich, dem Taiwan zuvorgekommen ist. Die Produktion wird nicht nur ins Ausland verlegt. Es hat sich als schrecklich erwiesen, wenn sich bestimmte Produktionen in einem Land konzentrieren. Deshalb sind wir abhängig von medizinischem Material und einigen Medikamenten, die aus China oder Indien stammen, wohin die Herstellung wegen der billigen Arbeitskräfte verlegt worden ist. Das sind die Schwächen der Marktwirtschaft. Taiwan hat gelernt, autark zu sein. Es unterstützt kleine und Familienunternehmen, lokale Landwirte und die Vielfalt, nicht Monopole und Monokulturen. Was bedeutet, dass man sich regional ernährt. Wir stellen uns jetzt die Frage, wie wir überleben werden. Als eine entwickelte Industrienation sind wir daran gewöhnt, in den Regalen der Supermärkte in jeder Saison alle Lebensmittel aus dem Ausland zu finden. Vor einigen Wochen war der Gedanke, dass dies einmal nicht so sein sollte, absurd. Das Corona-Virus verwandelt viele scheinbar unsinnige Szenarien in die Realität. 

Für den Quarantänefall gibt es Empfehlungen des Krisenstabs, in dem auch ein Team von Psychologen nicht fehlt. Die Empfehlungen haben Rahmencharakter: die Widerstandskraft des Immunsystems ist durch die genetische Ausstattung vorgegeben, das Maß der psychischen und physischen Belastung in Stress-Situationen ist individuell. Hilfe anzubieten und Erfahrungen mit anderen auszutauschen ist hier dank der Gemeinschaft z. B. der buddhistischen Tempel einfacher. Im normalen Leben funktionieren sie wie kommunale Zentren (anders als in China herrscht hier Meinungs- und Religionsfreiheit). Es ist wichtig, die Ordnung und Struktur der einzelnen Tage zu erhalten. Den Geist nicht mit Planungen zu belasten (heute plant das Virus), sich nicht auf materielle Dinge zu konzentrieren. Rückgrat des Tages sind die gemeinsamen Mahlzeiten zu einer bestimmten Zeit und ein regelmäßiges Programm je nach Alter der Familienmitglieder. Kinder sind sensibel, man muss ihnen empathisch zuhören, erklären, die Veränderung auch als eine Chance zur Neubewertung der Lebensmaximen und zur Festigung der familiären Bindungen wahrnehmen. Der Anker für ältere Kinder ist die Schule, gegebenenfalls das Erlernen einer weiteren Fremdsprache (im Falle Taiwans des Japanischen). Für kleinere Kinder sind es Spiele und das gemeinsame Erfinden von Geschichten (fortlaufend können sie Märchen selbst illustrieren). Im Rahmen der Psychohygiene ist es gesund, eine bestimmte, begrenzte Zeit für sich selbst zu erhalten und sie mit gemeinsamer Zeit abzuwechseln (hier wird Yoga und Meditation empfohlen). Regelmäßige Tätigkeit (in übersichtliche Zeitabschnitte unterteilt) ist wichtig für die mentale Hygiene, der Geist konzentriert sich auf die momentane Aufgabe, es entsteht kein Raum für ängstliche Überlegungen, die zu Depressionen führen können. Von grundsätzlicher Bedeutung sind ein Nachrichten-Detox, Austausch mit Freunden, Humor, soziale Solidarität, Digitalisierung (für schulpflichtige Kinder gibt es systemische Hilfe in den Fällen, in denen der Haushalt nicht über die für den Online-Unterricht nötige Technik verfügt). Tagebuchaufzeichnungen und die Konzentration auf die Gegenwart helfen dabei, die Tagesstruktur aufrechtzuerhalten. In Taiwan ist auch die japanische Tradition der sensiblen Beobachtung von Veränderungen in der Natur zu spüren. Sollten bei zu Konflikten neigenden Personen Frustration, Stress und Aggressionen zunehmen, muss man rechtzeitig häuslicher Gewalt zuvorkommen, die verletzlichsten Haushaltsmitglieder, also die Kinder, schützen, sich an Fachleute wenden.

Taiwan reagiert auf die Realität. Die Betriebe haben die bedarfsorientierte Produktion von Schutzmasken hochgefahren. Gleichzeitig ist man sehr aufmerksam, sollte ein Staat die Situation ausnutzen und die Hilfe mit politischen Bedingungen, Expansionsbestrebungen, Propaganda verbinden. Ich beobachte, wie unterschiedlich sich Europa verhält. China und Russland tun nichts aus reiner Herzensgüte, sie verhalten sich nicht un-egoistisch, es sind autoritative Staaten, füllen propagandistisch die Lücke, die die EU leider geöffnet hat. Sie wollen den politischen Einfluss erhöhen und in der Not nicht nur Europa schwächen. Das Corona-Virus hält allen einen Spiegel vors Gesicht. Die vom Corona-Virus verursachte humanitäre und gesellschaftliche Krise ist so allumfassend, dass sie die Legitimität eines jeden politischen oder wirtschaftlichen Systems in Frage stellen oder bedrohen kann. Nicht das Virus, sondern die Politiker sind ein Teil des grundsätzlichen Problems. Unauffällig nähern auch wir uns auf anderem Wege dem chinesischen totalitären Modell. Beispielsweise durch die Vereinbarung mit den Telekommunikationsgesellschaften. Dass der Staat wegen des Corona-Virus die Bewegungen der Menschen beobachten wird. 

In Italien und Australien wachsen die Zweifel an der chinesischen Hilfe, Schutzanzüge und Desinfektion sind nicht für den Gebrauch geeignet (im Februar sickerten Nachrichten vom skandalösen Handel chinesischer Firmen mit gebrauchten Gesichtsmasken durch). Spanische Beschwerden, die falsche Tests chinesischer Erzeuger betreffen, zeigen ebenfalls, dass es China nicht um die Kranken geht. Die Wohltätigkeit ist an die Bedingung geknüpft, dass die Empfänger die chinesischen Menschenrechtsverletzungen nicht kritisieren und der chinesische Präsident als weiser Führer gefeiert wird. Eine Reihe von Managern und Staatsoberhäuptern gibt Freiheit und Würde auf, verliert den Respekt vor sich selbst (die chinesische Führung feiert den serbischen Präsidenten, der die chinesische Flagge geküsst hat). Ich habe nichts gegen Dank für Hilfe in der Not. Er sollte nur allen entgegengebracht werden, jedem Land in gleichem Maß. Und er darf nicht dazu führen, dass es nicht möglich ist, die Wahrheit über die tatsächliche Situation in China zu sagen und zu schreiben. Nie werde ich den Januar in Taiwan vergessen. Die Tatsache, dass die chinesische Führung für die aktuelle Situation kann. Die chinesischen Politiker haben lange vertuscht und geschwiegen, ab Dezember haben sie alle Fakten über die Epidemie verborgen gehalten und so die Verbreitung des Virus über die Landesgrenzen hinaus unterstützt. Es ist nötig, an die Verantwortung und die Moral zu erinnern, die sich aus der bloßen Tatsache ergibt, dass wir leben und uns diesen Planeten mit anderen teilen. Auch in einer Zeit, in der es um das Überleben geht, dürfen wir Freiheit und Würde nicht aufgeben 

Radka Denemarková

Wie die Corona-Epidemie in Taiwan gemeistert wurde, 3. Teil
30. März 2020

 

Übersetzung ins Deutsche: Christina Frankenberg