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Deutsch-tschechische Corona-Geschichten: Über die Grenze

Wegen des Corona-Virus können auch im Tschechischen Zentrum zurzeit keine Lesungen stattfinden. Und so kam uns die Idee, Autor*innen aus Tschechien und Deutschland zu bitten, kurze Geschichten zu schreiben und zu erzählen, wie sie diese ungewöhnliche Zeit erleben. Jaromir Konecny, Tereza Semotamová, Jan Faktor, Jaroslav Rudiš, Martin Becker und Radek Fridrich haben schon zugesagt. Und während sie noch formulieren, erzähle ich Ihnen, was mir in der letzten Woche durch den Kopf ging. 

„Corona“ dröhnt es aus dem Radio, jeden Morgen und jeden Abend, seit mehreren Wochen schon. Erst tönt es leise, wie ein Rauschen aus der Ferne, dann wird es stärker, kommt näher – bis dieses Corona auch mein Leben erreicht. Keine Kulturveranstaltungen mehr, Unglaublich. So etwas gab es ja noch nie. Und dann wenige Tage später die Nachricht: in Tschechien wurde der Notstand verhängt – ab morgen sind die Grenzen dicht. Unvorstellbar, wir leben doch in Europa, wo man Grenzen beim Reisen schon gar nicht mehr wahrnimmt. So etwas gab es noch – nein, diesmal stimmt das nicht. So etwas gab es schon einmal, und ich habe es miterlebt.

Im Herbst 1989 war es. Ich saß in meiner rot gestrichenen Küche in einer Hinterhauswohnung im Prenzlauer Berg und hörte auch das aus dem Radio. Dass die Grenze in die Tschechoslowakei plötzlich zu ist. Zumindest für alle, die aus der DDR einreisen wollen. Denn in Prag hatten fluchtwillige DDR-Bürger die Westdeutsche Botschaft gestürmt und hoffen jetzt darauf, endlich in den Westen ausreisen zu können. Doch dahin wollte ich gerade gar nicht, zumindest nicht ausreisen für immer. Ich wollte nach Prag fahren, in die Stadt, in der ich die letzten zwei Jahre gelebt und studiert hatte. Dorthin, wo meine Freunde wohnen, mit denen ich gereist bin, Bier getrunken habe und auf verbotenen Demos und Konzerten gewesen bin. Die mir Samisdat-Bücher geliehen und mit mir über die politischen Zustände diskutiert haben. Ein Pärchen aus dem Freundeskreis hatte mich zur Hochzeit eingeladen und ich wollte dabei sein. Dafür musste ich mir jetzt etwas einfallen lassen. Ich könnte ja sagen, dass ich in Prag an der Uni eine wichtige Prüfung hätte. Das sollte doch ein überzeugendes Argument sein. Also fuhr ich zum Alex in das riesige Polizeipräsidium. Bange wartete ich im Flur, bis ich an die Reihe kam. Ob die mir die Sache mit der Prüfung glauben würden? Dann war ich dran, betrat eines der Büros und trug mein Anliegen vor. Dabei kam die Rede auf meinen Pass mit dem Dienstvisum. Na klar, der Dienstpass, an den hatte ich gar nicht gedacht. Als DDR-Bürger besaß man eigentlich keinen Pass, da genügte der Personalausweis, weit reisen durfte man ja sowieso nicht. Aber für das Studium in Prag war mir dieser blauen Pass ausgestellt worden, mitsamt dem  eingestempelten Dienstvisum, das noch bis Ende des Jahres gültig war. Gleich nach der Rückkehr aus Prag hätte ich ihn eigentlich zurückgeben sollen, hatte den Pass aber behalten – als Souvenir und außerdem weiß man ja nie... So wurde er noch einmal zu meinem Grenzöffner.

Um keine wertvolle Zeit zu verlieren – die Reise von Berlin nach Prag dauerte damals fast acht Stunden und allein an der Grenze stand der Zug eine davon – hatte ich mich für einen Nachtzug entschieden. So reiste ich damals fast immer. Bis Dresden war der Zug ziemlich voll, dann aber wurde er leer. Und an der Grenze war ich die einzige im Waggon, den die Grenzer mit ihren Hunden genau inspizierten. Meinen Pass auch, aber der war ja gültig. Dann war ich wieder allein. Der Zug fuhr an, die Reise im Dunkeln ging weiter. Und dann hatte ich es geschafft, ich war auf der anderen Seite der Grenze!

An die Hochzeit selbst kann ich mich gar nicht mehr in allen Details erinnern. Ich weiß aber noch, dass die Rede des Standesbeamten voller Phrasen war, er erzählte irgendetwas von fortschrittlichen Menschen und einer glücklichen Zukunft in der sozialistischen Tschechoslowakei. Und ich weiß, dass wir einander nicht in die Augen blicken konnten, um nicht laut loszulachen, weil diese Ansprache so lächerlich war und völlig realitätsfern, da die Braut aus Bern stammte, und das Paar nicht den Sozialismus aufbauen wollte, sondern sich schon auf eine glückliche Zukunft in der Schweiz freute.

Und ganz genau erinnere ich noch, dass wir alle damals sehr skeptisch in die Zukunft geblickt haben und uns verabschiedeten, als würden wir einander nie mehr, in jedem Fall jedoch eine lange Zeit nicht mehr wiedersehen. Wir glaubten, dass die Grenzen weiterhin geschlossen bleiben, dass die alten Machthaber die politischen Verhältnisse festbetonieren und jeden Widerstand brutal unterdrücken würden, sollte sich überhaupt welcher regen. 

Zum Glück trafen unsere Prognosen damals nicht ein. Schon wenige Wochen später sahen wir uns wieder – erst in Westberlin, dann in Prag und in der Schweiz. Und ich saß nicht mehr in der DDR fest, konnte reisen und die Welt entdecken und selbst über meine Zukunft entscheiden. Das alles war viel besser als ich mir je hätte träumen lassen. Auch jetzt beschleichen mich Sorgen, wie es weitergehen soll mit uns allen. Aber wer weiß, vielleicht wird ja auch diesmal die Zukunft besser als ich es mir gerade ausmale. Zunächst jedoch müssen wir die nächste Zeit überstehen. Und mit einer neuen Geschichte in jeder Woche wird das hoffentlich einfacher.

Christina Frankenberg