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Programm

20.03.2018 19:00

Pavel Juráček – der Regisseur, der aufhörte zu existieren

Lesung aus Texten von Pavel Juráček und Gespräch mit dem Herausgeber Pavel Hájek

Als Militäreinheiten der Sowjetunion, Bulgariens, Ungarns, Polens und der DDR am 21. August 1968 die Tschechoslowakei besetzten, bedeutete dies das Ende für den tschechoslowakischen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Schon bald nach dem Einmarsch begannen die neuen Machthaber eine Hetzjagd auf all diejenigen, die nicht einverstanden waren mit dieser Invasion, und zerstörten so die Biographien vieler Intellektueller und Künstler. Ihre Sympathien für den Prager Frühling mussten sie nun mit einem Arbeitsverbot oder der erzwungenen Emigration bezahlen. Einer derjenigen, die beschlossen hatten, Widerstand zu leisten, war Pavel Juráček, ein zu dieser Zeit international geachteter Filmregisseur und Drehbuchautor der neuen Welle, dem eine glänzende Zukunft bevorzustehen schien. Als Ideengeber war er an Filmen von Věra Chytilová beteiligt, wurde  für eigene Regiearbeiten mit dem Großen Preis auf dem Internationalen Filmfestival Oberhausen und dem FIPRESCI-Preis auf dem Internationalen Filmfestival Mannheim geehrt und war 1969 mit der Leitung einer Produktionsgruppe in den Prager Filmstudios Barrandov beauftragt worden.    

Für seine kompromisslose zivilbürgerliche Haltung, die ihn später dazu brachte, die Charta 77 zu unterzeichnen, wurde der Regisseur von Filmen wie Postava k podpírání und Případ pro začínajícího kata unbarmherzig bestraft: er erhielt ein Drehverbot und wurde bis zum Ende seines Lebens von der Geheimpolizei gejagt, die ihn auch in seinem Münchner Exil nicht aus den Fängen ließ. Wie hat Juráček den beruflichen Absturz und die folgende Periode seines Lebens durchgestanden? Womit hatte er zu kämpfen? Was bestimmte den Ablauf seiner Tage? Pavel Hájek (Václav-Havel-Bibliothek, Prag), Herausgeber des Werkes von Pavel Juráček, erörtert diese und ähnliche Fragen und liest aus Tagebüchern und Interviews des Regisseurs.

In tschechischer und deutscher Sprache

Eintritt frei

Textauszug aus dem Tagebuch von Pavel Juráček:
(Übersetzung: Christina Frankenberg)

22. August 1968
Donnerstag
Es war nicht mehr dunkel und es war noch nicht hell… In dem Moment begannen sie zu schießen. In die Luft. Dann riss ein Transporter eine Frau zu Boden und überfuhr ihre Beine. Dann begannen sie erneut zu schießen. Ich flüchtete zur Hauswand und wartete an sie gedrückt, bis das aufhörte. Neben mir stand ein englischer Journalist, sein Kinn zitterte, und er wiederholte für sich selbst immer wieder Worte vom russischen Imperialismus. Ein Toter wurde auf die Motorhaube eines Taxis gelegt. Er hatte einen durchschossenen Kopf. Von den Kotflügeln tropfte Blut auf die Erde.
Morgens am einundzwanzigsten August vor dem Gebäude des Zentralkomitees…. Ununterbrochen dröhnte der Himmel. Riesige Flugzeuge brachten Panzer.
Sie sind schon den zweiten Tag hier, es sind 200 000, zwölf Divisionen, sie schießen und töten, gesiegt aber haben sie nicht.
GESIEGT HABEN SIE NICHT!
Das ist es, was mich am meisten erstaunt.   
GESIEGT HABEN SIE NICHT!
Sie wissen sich keinen Rat mit diesem Land.
Nashorn gegen Schmetterling.
Wir sind für sie nicht greifbar.
Sie starren uns mit offenem Mund hinterher.

Text © Pavel Juráček Archiv / Knihovna Václava Havla

Foto © Oldřich Škácha / Knihovna Václava Havla

 

 

Veranstaltungsort:

Wilhelmstraße 44 / Eingang Mohrenstraße
10117 Berlin
Deutschland

Datum:

20.03.2018 19:00

Veranstalter:

Tschechisches Zentrum


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