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Programm

28.04.2017 - 24.06.2017

Eva Kot’átková Diary of a stomach

Ausstellung der jungen tschechischen Künstlerin in der Berliner Galerie Meyer Riegger

aus dem Tagebuch eines Magens:

Freitag, in den frühen Morgenstunden
Die Ankunft neuer Dinge. Wie gewohnt, habe ich keine Vorstellung von ihrer Größe, Zahl oder Form.
Sie fallen hier in unregelmäßigen Abständen ein. Das ist keine besonders rücksichtsvolle Vorgehensweise. Die Neuankömmlinge stoßen mit denen zusammen, die schon seit geraumer Zeit hier herumliegen. Auch darauf habe ich keinen Einfluss. Dann erfolgt ein Versuch der Identifikation und Registration. Was würde passieren, wenn jetzt eine Kontrolle durchgeführt werden sollte? Die Dinge werden in unterschiedliche Stapel sortiert. Zufriedenstellend, teils brauchbar, interessant, aber nutzlos und schädlich. Die schädlichen werden gleich unter Quarantäne gestellt. Unachtsamkeit könnte tödliche Konsequenzen haben.

Sonntagabend im Dunkeln
Eine gründliche Inventur der Dinge. Ein Abschmecken. In einige Dinge mache ich Löcher, andere werden zerlegt. Wiederum andere müssen völlig zerdrückt und zerkleinert werden, das ist die einzige Art und Weise, sinnvoll mit ihnen arbeiten zu können. Generell ist es immer am besten, zunächst das Volumen zu reduzieren. Ich drücke und teile. Ich schneide. Ich forme und zerknülle. Ich zerlege in Formen und Strukturen. Ich reduziere. Jedoch benutze ich keine Schere, keine Messer, keine Pressen.

Dienstagnachmittag
Ich warte. Bislang leer. Angenehm ist es nicht, mit leeren Akkus zu arbeiten. Noch schlimmer ist das Gefühl der Einsamkeit. Dunkelheit und Stille. Wäre ich eine Maschine, so würde diese sich verklemmen. Anscheinend achtet niemand auf meine lauten Proteste.
Ich brauche einen Ventriloquisten, einen Bauchredner.

Mittwochvormittag
Endlich kommt etwas an. Zuerst ein Schuh. Abgetragen. Danach ein Tischbein. Obwohl ein Bein und ein Schuh vorhanden sind, passen sie nicht wirklich zusammen. Mehrere leere Pakete. Ein Stück von irgendeinem Tier. Es ist schwer zu sagen, was es wohl war. Ein Stück Draht – Vorsicht mit dem spitzen Ende! Verwesendes Obst. Ein Bleistift mit Bissspuren, ein Nagel, eine Tasse.
Päuschen, einen Augenblick lang. Und dann schnell, eins nach dem anderen: ein Stofffetzen, das Skelett eines Fisches, ein Stein, ein Haufen geschredderter Akten – zumindest, so sage ich mir, gibt es beim Warten etwas zu lesen, ein Teil von einer Brille, eine Plastiktüte mit einem Loch drin, ein leicht verschwommenes, von Kinderhand gemaltes Bild, Heu aus dem Käfig eines Nagetiers, ein paar Erbsen, Haare und ….

Mittwoch, nach Sonnenuntergang
Chaos. Ein Haufen von verrottendem Plunder. Es ist erst einen Augenblick her, dass die Tore sich geschlossen haben ... Reparaturmaßnahmen – sie ließen sich kaum zumachen, ich musste sie mit Gewalt schließen, es sind mittlerweile so viele Dinge da drin. Es gibt keinen Platz, wo Gegenstände beiseite gestellt und aufbewahrt werden könnten, die Sortieranlage ist schier überwältigt. Es hilft nichts, man muss entrümpeln, sich des Schädlichen entledigen. All das Unbrauchbare abstoßen, wenn überhaupt möglich.
Gründlich aufräumen.

Donnerstag, vor der Morgenröte
Übelkeit. Übelkeit infolge Überfressens. Ich schließe und verriegele das Tor. Verhindere, dass überhaupt etwas ankommt. Geschlossen wegen Krankheit.

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Freitag, spät am Nachmittag:

Der Magen ist offen.
Hände helfen, die im Innenraum gefangenen Dinge herauszuholen.
Einige sind beschädigt, seltsam krumm, andere fast nicht zu erkennen.
Die Dunkelheit und Feuchtigkeit haben ihre Spuren hinterlassen.
Von einigen Dingen bleiben nur noch deren Skelette, der Magen hat aus ihnen alles genommen, was er brauchte.
In andere biss er ein Loch hinein oder stickte eine neue Naht.
Von Büchern bleiben nur Ausschnitte, von Gegenständen die Grundsilhouetten.
Eine Datenbank des Magens wird in den Raum hinein gebaut.
Eine Sammlung von Objekten und Trophäen, die der Magen im Laufe seines Lebens aufgenommen hat.
Die Gegenstände gewöhnen sich allmählich an das Licht sowie an ihre neu gewonnene Unabhängigkeit.

Sie gewöhnen sich an ein neues Leben nach ihrer Flucht aus der Falle.
Sie bewohnen den Raum, verteilen sich über den Boden, besetzen Wände und Ecken.
Langsam gewöhnen sie sich an die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung.
Die Operation ist zu Ende.
Weitere Schritte sind nicht mehr vorgesehen.
Die Ausstellung darf beginnen.

Öffnungszeiten: Di - Sa 11 - 18 Uhr

Weitere Informationen finden Sie hier.

Abbildung:

Eva Kotatkova
Diary of a stomach, 2017
window installation, strings, metal objects, collages on paper
250 x 580 x 60 cm

Veranstaltungsort:

Meyer Riegger, Friedrichstraße 235, 10969 Berlin

Datum:

Von: 28.04.2017
Bis: 24.06.2017

Veranstalter:

Meyer Riegger


Veranstaltungserinnerung
Eine Erinnerung ist nicht möglich, da die Veranstaltung bereits begonnen hat.