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Programm

28.10.2016 19:30

Aufbruch der Autorinnen II: Věra Chytilová

In Kooperation mit dem Tschechischen Zentrum Berlin erinnert das Zeughauskino mit zwei Filmen an die große tschechische Regisseurin Věra Chytilová. Diese hatte sich ihr ganzes Leben lang eine provokante Unangepasstheit bewahrt, die auch ihre Filme auszeichnet. „Pytel blech“ ist ein frühes Werk von Věra Chytilová, ein improvisierter Spielfilm aus dem Lehrlingsheim einer Textilfabrik, in dem lauter unbändige Mädchen wohnen. In „Cesta“, dem filmischen Porträt von Věra Chytilová, kommt die Dokumentarfilmerin Jasmina Blažević der großen Regisseurin erstaunlich nahe – sicher auch, weil Chytilovás Sohn Štěpán Kučera die Kamera führt.

Pytel blech / Ein Sack voll Flöhe
ČSSR 1962, 35 mm, OmU, 43 Min., Regie, Drehbuch: Věra Chytilová, Kamera Jaromír Šofr
Freitag, 28.10.2016, 19:30 Uhr, mit Einführung 

Die erste Auftragsarbeit, die Věra Chytilová nach dem Studium an der FAMU übernimmt. Sie dreht im Lehrlingsheim einer Textilfabrik in Náchod, einer Stadt, in der notorischer Männermangel herrscht. Dabei entsteht kein Dokumentarfilm im engeren Sinn. Vielmehr entwickelt die Regisseurin aus der vorgegebenen Situation einen improvisierten Spielfilm, dessen subjektive Kamera uns durch den Internatstrubel führt. Diese Kamera steht für den Blick eines Mädchens mit Namen Eva. Und diese Eva kommentiert flüsternd aus dem Off das Drunter und Drüber im Schlafsaal, die Arbeit an riesigen Webmaschinen und schließlich die kollektive Zurechtweisung der wilden süßen Jana, die sich an keine Regeln hält. Janas vielsagende Blicke sind häufig auf Eva und damit auf uns Zuschauer/innen gerichtet, die Regisseurin macht uns so zu deren Kompliz/innen. Ein Haufen unbändiger Teenager, die es sehr zu den Jungen draußen vor dem Heim hinzieht und die sich mit Kissen bewerfen oder vom Schrank springen, sobald die Genossin Erzieherin hinter sich die Tür zumacht. Pytel blech wird von lustvoll geschmetterten Schlagern getragen und verweist mit seiner Vorliebe für das zugleich Unangepasste und Schöne auf das spätere Werk von Věra Chytilová. Kein „Konsumfilm in Farbe“, kein Imagefilm für die sozialistische Textilindustrie! (sasch, Programmheft Zeughauskino, Foto © Národní filmový archiv)

Cesta – portrét Věry Chytilové / Journey: A Portrait of Famed Czech New Wave Film Director Véra Chytilová
CZ 2004, DigiBeta, OmeU, 52 Min., Regie, Drehbuch: Jasmina Blažević, Kamera: Štěpán Kučera
Freitag, 28.10.2016, 20:30 Uhr 

Jasmina Blažević kommt in Cesta der 74-jährigen Regisseurin Věra Chytilová sehr nah, und das liegt sicher auch an den Umständen, unter denen der Dokumentarfilm entstand: Štěpán Kučera, der Sohn von Věra Chytilová, führte die Kamera; die Gespräche finden in dem Haus statt, das Věra Chytilová und Jaroslav Kučera in den 1970er Jahren – während ihres Berufsverbots – selbst gebaut haben. Die so burschikose wie elegante Grande Dame der tschechoslowakischen Neuen Welle kratzt im Winter das Eis von den Steinplatten, im Sommer kann sie über jeden Baum eine Geschichte erzählen. Sie bügelt, füttert Hund und Katze und springt auf und flitzt barfuß in die Küche, weil das Fleisch anbrennt. Mal mit, mal ohne Sonnenbrille sinniert sie darüber, was es kostet, den ständigen Wandel von Beziehungen, das Glück, die Brüche, die unvermeidlichen Verluste und Niederlagen im Leben zu nehmen. Und darüber, was es heißt, obendrein eine Mutter zu sein. Mit ihren Filmen habe sie immer aufs Neue versucht, gültige Aussagen über das Leben zu treffen. In der ständigen Montage dieser Bilder mit einer Vielzahl von Filmausschnitten und Home Movies der Familie Chytilová/Kučera ist es Jasmina Blažević auch ästhetisch gelungen, diese Einsicht zu belegen. (sasch, Programmheft Zeughauskino, © Negativ Film)

 


 

Beide Filme gehören zu der Reihe Aufbruch der Autorinnen II des Zeughauskinos, die noch einmal einen historischen und ästhetischen Grenzbereich in den Blick nimmt: den Umbruch in der Filmgeschichte zu Beginn der 1970er Jahre. Die Reihe wird von Sabine Schöbel kuratiert.

 

 

Veranstaltungsort:

Zeughauskino, Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, Eingang von der Spreeseite

Datum:

28.10.2016 19:30

Veranstalter:

Das Tschechische Zentrum ist Mitveranstalter


Veranstaltungserinnerung
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