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Bemalte Züge gehören schon unserer Vergangenheit an

19.9.2014: In der Galerie TZB läuft zur Zeit die Ausstellung The Art of Remark 3. Prag: Vabanque, die letzte des dreiteiligen Projekts, das in Zusammenarbeit mit der Prager Trafo Gallery tschechische und deutsche Street Art zeigt. Im Gespräch mit Marianna Placáková äußern sich die Künstler Epos 257, HRSMAN-BAY: AN 164 und Mind zu ihren ausgestellten Arbeiten. Zu sehen sind Videos, die Eingriffe in Berliner Straßen unmittelbar dokumentieren, zwei Objekte, die Präsentation von Street Art im Galerieraum kommentieren, und eine Außeninstallation, die sich in der Nähe der Galerie TZB befindet. Die Ausstellung dauert bis zum 25. September 2014.

Wie ist eure Zusammenarbeit an diesem Projekt zustande gekommen?
Mind:
Der Grund, warum und wie wir uns getroffen haben, hängt mit unserem Graffiti-Background zusammen. Wir kennen uns mehr als zehn Jahre. Dass wir zu diesem Projekt eingeladen wurden, ist für mich symbolisch, weil wir drei Kumpels vorher zusammen nach Berlin gefahren sind, um Graffiti zu machen, und die Leute, die wir hier in dieser Zeit kennengelernt haben, kamen jetzt dank dieser Ausstellungen zu uns nach Prag.

Street Art ist eng mit der persönlichen Inanspruchnahme von öffentlichem Raum verbunden. Für eine eurer Aktionen, während der ihr an einer Berliner Straße einen Fußgängerüberweg nachmaltet, habt ihr die Kreuzung an der Eberswalder Straße und Schönhauser Allee gewählt. Wonach habt ihr euch entschieden?
Mind:
Diese Wahl war selbstverständlich kein Zufall. Immer, wenn ich in Berlin war, wohnte ich im Prenzlauer Berg oder irgendwo in der Nähe dieser Nachbarschaft. Ich habe dieses Viertel gern und empfinde  es auch als eines der sympathischsten (zusammen mit Kreuzberg). Und eine weitere Sache, die ich hier liebe, ist die U-Bahn. Also ich habe a priori nach einer schönen Aussicht an der U-Bahn-Linie in dieser Gegend gesucht, wo auch eine rege Kreuzung mit vielen Autos und Leuten wäre. Wenn dieser Fußgängerüberweg in einer entlegenen Straße platziert wäre, dann würde es überhaupt nicht funktionieren.

Was ist für euch bei diesen Aktionen, die sich an der Grenze des Gesetzes bewegen, wichtig?
Mind:
Das Wichtigste bei unserer Arbeit ist es zu fingieren, zu spielen, einen anderen aus sich selbst zu machen. Zugleich soll alles so aussehen, als ob es echt wäre. Die Uniform zum Beispiel gibt dir Autorität. Es genügt,  die Situation so einzustellen, als sei gar nichts geschehen, und du kannst  machen, was du willst, auch in Deutschland.

Also sind keine Probleme im Prenzlauer Berg aufgetreten?
Mind:
Es kam auch zum Dialog mit der Polizei, ungefähr bei dem zehnten von siebzehn Streifen. Wir haben  aber nicht einen Schritt zurück gemacht und  sind bei der  Behauptung geblieben, dass hier ein offizieller Fußgängerüberweg   entsteht. Wir hätten keine Zeit und außerdem  seien wir im Verzug. Und so ließ uns der Polizist  dann  weiterarbeiten.

Welche Bedeutung hat der tschechische Fußgängerüberweg, der nach Berlin übertragen wurde?
Mind:
Ich muss  bekennen, dass wir ursprünglich nicht gewusst haben, wie es hier mit den Fußgängerüberwegen ist, und wir sind von den tschechischen ausgegangen, die wir vor ein paar Jahren zu Buchstaben erweitert haben. Erst  vor Ort haben wir festgestellt, dass der klassische tschechische Fußgängerüberweg hier einen absoluten Vorzug für die Fußgänger bedeutet. Also gesetzgebend wirkt es hier anders. Und anders ist auch die Form seiner Ausführung. Auch wenn es nur ein minimales Detail ist, fehlt unserem Fußgängerweg ein Streifen. Er ist nicht zu Ende gebracht. In dieser halb versteckten Schlampigkeit kann man Graffiti erkennen. So würde ich sagen, dass die ganze Sache auf die Art gemacht ist, wie wir zeitgenössische Kunst sehen. Graffiti machen wir nur ausnahmsweise. Den Fußgängerüberweg kann man als Ersatz für die bemalten Züge nehmen, die schon der Vergangenheit angehören.

Werden hier nur deine neuen Arbeiten gezeigt?
Epos 257:
Die Mehrheit der Sachen für diese Ausstellung  geht von meinen älteren Projekten aus. Sie haben hier aber einen neuen Sinn bekommen. Im ersten Video ist ein Fahrrad zu sehen, das ich allein gemacht habe und das für mich ganz eng mit Berlin verbunden ist. Das Fahrrad bedeutet für mich  Unabhängigkeit in der Stadt. Du kannst damit wohin auch immer kommen und was auch immer mitnehmen…  

Die städtische Umwelt wird den Besuchern in dieser Ausstellung nur mithilfe von Videos vermittelt. Du bist als einziger mit deiner Arbeit in die Umgebung expandiert.
Epos 257:
Was mir in der Stadt Spaß macht, ist absurde Situationen zu kreieren. In dieser Installation habe ich einen bemalten Pflasterstein benutzt, einen rot-weißen, in den gleichen Farben wie die Absperrelemente in der Umgebung. Ich habe das Werk Breaking point genannt. Schon früher wollte ich zwei Einfriedungen in sich selbst machen. Es ist ein kleines Paradox. Warum es zweimal  umzäunen, nicht wahr? Und der Pflasterstein steht hier als der Höhepunkt. Wenn du zu der Installation kommst, dann kannst du nur ahnen, was sich drinnen versteckt. Es gefällt mir, dass es sich an der Grenze zur Unsichtbarkeit bewegt. Zugleich ist die Installation direkt von den Ausstellungsräumen sichtbar, wo eine Beschriftung darauf hinweist, die in diesem Fall genauso  wichtig  ist wie das, was draußen geschieht.  

Zugleich präsentierst du in der Galerie TZB ein Objekt.
Epos 257:
Ich habe hier an eine vier Jahre alte Aktion auf dem Platz Palackého náměstí in Prag angeknüpft. Dieses Objekt, eine Anhäufung von Zaun kann man sagen, ist aus der gleichen Menge  Material wie damals gemacht. Dieses Mal habe ich es  49,76 m² of public space genannt. Diese Zahl habe ich absichtlich gewählt, weil du nie ein Viereck auf der genauen Fläche von 50 m² schaffen kannst , und zweitens sind wir in Deutschland, wo die so genannte deutsche Perfektion herrscht. Zu gleicher Zeit wirkt bei dem Objekt die Vorstellung, dass ein öffentlicher Raum in einer Ausstellung eben so aussieht. Es ist eine zerknitterte, komprimierte Sache. Eine Parodie seiner  selbst.

Dein Video unterscheidet sich von den übrigen, die konkrete Eingriffe in die städtische Struktur erfassen. Worum geht es hier?
HRSMAN-BAY: AN 164:
Dieses Video ist ein abstrahiertes Moment von Graffiti Videos. Auf den ersten Blick kann dies wahrscheinlich nur jemand verstehen, der selbst irgendwann in seinem Leben aktiv Graffiti gemalt hat. Eine Crew bemalt einen Zug und plötzlich kommt die Security, Polizei oder irgendein Problem tritt auf. Und jemand von den Jungs greift die Kamera, die aufnimmt,  und läuft weg. Die Aufnahme dauert meist um die zwei Minuten. Das Bild wackelt und dann wird es gleich  dunkel. Mein Video stammt von  keiner konkreten Aktion. Es ging mir um etwas ganz Unwesentliches, Verstecktes und Unwichtiges, um den Moment, der Graffiti-Videos aus der ganzen Welt verbindet.    

Und was würdest du zu dem Objekt sagen, das aus zwei hundert Sprühdosen hergestellt ist?
HRSMAN-BAY: AN 164: Ein Writer wird es verstehen.

 

Marianna Placáková

Fotos: Alena Drahokoupilová