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Düsseldorf | Nová vlna – die tschechoslowakische Neue Welle

Die tschechoslowakische Neue Welle (Nová vlna) – auch umschrieben als „Filme des Prager Frühlings“ – bezeichnet die Filmproduktion der sogenannten Tauwetter-Phase der 1960er-Jahre, die auf die politische Starrheit des vorangegangen Jahrzehnts folgte bzw. aktiv reagierte. Diese Phase bedeutete nicht nur Freiheiten des alltäglichen Lebens, ebenso erhofften sich Künstler*innen die Möglichkeit, frei und ohne viel Rücksicht auf Vorschriften der Partei tätig zu sein. Mit der Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968 fand die tschechoslowakische Neue Welle ihren Endpunkt. Das Filmmuseum zeigt in Kooperation mit dem Tschechischen Zentrum Berlin einen Querschnitt dieser Epoche.

Die Nová vlna war keine einheitliche Bewegung und es existierte kein verbindendes Manifest, kein Grundsatzprogramm. Es herrschte einzig eine Haltung: Alle Regisseur*innen vereinte der Anspruch, die sozial-realistische Filmproduktion der 1950er-Jahre abzulösen, die vor allem eine erzieherische Funktion hatte, weder Held*innen kannte, noch mit der Realität verhaftet war oder eine eigene Filmsprache entwickelt hatte.

In einer ersten Welle realisierten bereits etablierte Filmemacher* innen Produktionen, die ihre neuen Ansichten spiegelten. Die zweite und eigentliche neue Welle begann kurz darauf mit jungen Männern und Frauen, die ihre Ausbildung soeben an der staatlichen Filmhochschule FAMU absolviert hatten, also in einer Zeit, in der nicht nur die Filmproduktion ohne Einschränkungen durch die Zensur agieren konnte, sondern auch die Lehre von freiheitlichen Ideen geprägt war. So konnten sich die Studierenden innerhalb der Filmhochschule nicht nur mit sozialistischen Filmen auseinan-dersetzen, sondern ebenfalls mit Werken aus der ganzen Welt. So kann man den Filmen des Prager Frühlings den Einfluss vom italienischen „Neorealismus“, der französischen „Nouvelle Vague“, des „Cinéma Vérité“ und anderen Strömungen ablesen.

Eine zentrale Figur in den Filmen dieser Epoche ist der Konformist. So sind es Charaktere wie der wahnsinnige Karel Kopfrkingl in SPALOVAČ MRTVOL, der sehr anpassungsfähige Josef in
O SLAVNOSTI A HOSTECH oder die Figur des Pavel in ŽERT, anhand derer sich die Regisseur*innen an den Machtverhältnissen und Unterdrückungsmechanismen der 1950er-Jahre abarbeiten. Viele dieser in den 1960er-Jahren gedrehten Filme wurden nach Niederschlagung des Prager Frühlings ab 1968 verboten, erst Jahre später mit enormer Verzögerung in die Kinos gebracht und nachträglich gewürdigt.

Tickets und weitere Informationen: www.duesseldorf.de/filmmuseum/black-box.html

Black Box, Kino im Filmmuseum Düsseldorf, Schulstr. 4, 40213 Düsseldorf

 


 

Di 6.11. 20:00 
Hoří, má panenko / Der Feuerwehrball
CS 1967 · 73 min · OmU · digitalDCP
R: Miloš Forman · B: Miloš Forman, Jaroslav Papoušek, Ivan Passer · K: Miroslav Ondříček · D: Jan Vostrčil, Josef Kolb, Jan Stöckl u.a.

Bevor Miloš Forman nach Hollywood emigriert, wo er sich mit den Oscar-prämierten ONE FLEW OVER THE CUCKOO’S NEST (1975) und AMADEUS (1984) ins populäre Filmgedächtnis einschreibt, dreht er in der Tschechoslowakei Tragikomödien, die gänzlich anders sind. Mit Filmen wie LÁSKY JEDNÉ PLAVOVLÁSKY (1965) oder HOŘÍ, MÁ PANENKO beobachtet er seine Figuren mit dokumentarischem Gestus, deckt gesellschaftliche Strukturen und Machtgefüge auf.

In einem Dorf findet ein Feuerwehrball statt. Es verschwinden nicht nur alle Preise der Tombola, auch die Übergabe des wertvollen Geschenks an den Ehrenhauptmann ist problembehaftet. Der unorganisierte Schönheitswettbewerb läuft ebenso aus dem Ruder wie der überraschende Einsatz an einem brennenden Nachbarhaus. Das ist kein Zufall: Die Feuerwehrleute zeichnen sich – ebenso wie die Gäste – durch Verlogenheit und Egoismus aus. Das Chaos des Feuerwehrballs spiegelt demnach das Scheitern seiner Teilnehmer* innen an ihrer eigenen menschlichen Natur.

 Mit HOŘÍ, MÁ PANENKO äußert Forman erstmals ungewöhnlich scharfe und offene Gesellschaftskritik. Im Gewand einer Komödie erhofft er sich mehr Freiheiten. Komödienstoffe würden von der Zensur weniger ernst genommen, so sein subversiver Gedanke. Doch der Plan geht nicht auf: Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings und nach nur drei Wochen Laufzeit wird der Film aus den Kinos genommen und „für immer verboten“. Die Satire sei eine politische Allegorie auf das sozialistische System, so der Vorwurf der neuen Regierung.

Einführung: Florian Deterding (Filmmuseum)

 


 

So 11.11. 15:00
Žert / Der Scherz
CS 1969, 80 min, OmU, 35mm
R: Jaromil Jireš· B: Jaromil Jireš, Zdeněk Bláha nach einer Vorlage von Milan Kundera ·K: Jan Čuřík · D: Josef Somr, Jana Dítětová, Luděk Munzar u.a.

Ein Tscheche wird 1949 wegen eines politischen Scherzes zu jahrelangem Militärstraflager verurteilt. Jahre später trifft er durch einen Zufall die Ehefrau seines Denunzianten und sinnt nach Rache: Er will sie verführen.

Jaromil Jireš verfilmt den Roman von Milan Kundera, mit dem er auch das Drehbuch schrieb, und arbeitet die mehrschichtige Romanhandlung filmgerecht auf. So werden in Rückblenden Brutalität und Terror der tschechoslowakischen Straflager der 1950er-Jahre gezeigt. Hier verweist der Film auf die Geschichte seines Landes: Politische Aspekte werden mit dem psychologischen Portrait eines Mannes verwebt, der von erlebtem Terror gezeichnet ist und noch nicht wieder zu sich finden konnte. Mit beißender Ironie und Resignation schildern Jireš und Kundera das Scheitern einer Haltung, die die Auseinandersetzung mit der Stalin-Zeit auf eine nutzlose individuelle Abrechnung reduziert.

 


 

Sa 17.11. 19:30
O slavnosti a hostech / Vom Fest und den Gästen
CS 1966, 71 min, OmU, digitalDCP
R: Jan Němec · B: Ester Krumbachová, Jan Němec · K: Jaromír Šofr · D: Ivan Vyskočil, Jan Klusák, Jiří Němec u.a.

Es ist notwendig, dass der Autor in seinem Film seine eigene Welt erschafft, völlig unabhängig von der Wirklichkeit, wie sie sich in dem Moment zeigt. […] Wenn von der ersten Aufnahme an klar ist, dass die äußere Ähnlichkeit völlig unwichtig ist, muss der Zuschauer auf sein geliebtes Vergleichen verzichten und sich auf den Sinn des Films und die Absicht des Autors konzentrieren.“ (Jan Němec)

Wie schon in seinem Debut DÉMANTY NOCI (1964) experimentiert Jan Němec mit den künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten des Films. So ist O SLAVNOSTI A HOSTECH ebenso vom absurden Theater inspiriert, wie er auch auf Franz Kafka rekurriert. In beklemmender Atmosphäre schildert Němec die Situationen, in denen Individuen mit einem unverständlichen, gefährlichen und manipulativen System konfrontiert werden.

Die simple Geschichte erzählt (in drei Akten) von einer Reisegruppe, die – unterwegs zu einem Fest – zu Beginn ein Picknick in der Natur macht. Im weiteren Verlauf werden sie von einer Gruppe Männer ohne erkennbaren Grund zusammengescheucht und festgehalten, im dritten Teil erreichen sie das Fest.

Němec arbeitet vor allem mit statischen Aufnahmen (voller visueller Zitate!) und konzentriert sich auf seine Figuren und ihre Kommunikation untereinander. Damit ist das der erste tschechische Film, der die Wirkungskraft von Sprache thematisiert und veranschaulicht, wie durch Sprache Macht ausgeübt werden kann. Dementsprechend werden in der ČSSR Aufführungen des Films zunächst verboten. Die Premiere findet verspätet 1968 statt. Nach Ende des Prager Frühlings wird O SLAVNOSTI A HOSTECH erneut verboten. Während der Film im Ausland viele Preise abräumt, wird Jan Němec mit einem Arbeitsverbot belegt.

 


 

Sa 17.11. 21:00
Pelíšky / Gemütliche Nischen
CS 1999, 115 min, OmU, digitalDCP
R: Jan Hřebejk, B: Petr Jarchovský, K: Jan Malíř

Hřebejks Film, einer der populärsten tschechischen Filme der 1990er-Jahre, verknüpft mosaikartig die Schicksale dreier Generationen im sozialistischen Prag. Die Geschichte beginnt Weihnachten 1967 und endet mit dem Einrollen der russischen Panzer am 21. August 1968. Eine Filmerzählung in bester Tradition der tschechischen Ostalgie-Welle: voller Poesie, Humanismus, Humor und erzählerischer Eleganz.

Zwei Familien haben sich trotz politischer Gegensätze friedlich in einer Prager Villa eingerichtet. Im Frühjahr 1968 müssen sie jedoch erkennen, dass der Burgfriede, den der überzeugte Kommunist und der Regime-Gegner geschlossen haben, angesichts der bevorstehenden politischen Veränderungen brüchig wird.

Die Tragikomödie fokussiert die geschichtliche Entwicklung in der Tschechoslowakei Ende der  1960er-Jahre auf die gesellschaftlichen Spannungen im Land. Anhand des Schicksals und der Alltagserlebnisse der Familienmitglieder macht er sinnfällig, dass apolitische Kuschelnester nur Wolkenkuckucksheime sein können.“ (Film-Dienst)

 


 

SO 18.11. 15:00
Spalovač mrtvol / Der Leichenverbrenner
CS 1969, 95 min, OmU, digitalDCP
R: Juraj Herz, B: Juraj Herz nach einer Vorlage von Ladislav Fuks, K: Stanislav Milota

Während der Dreharbeiten wurde mir klar, dass dies eine einzige Chance ist, die ich nicht noch einmal bekommen würde. Es war 1968 und ich hatte absolute Freiheit bei meiner Arbeit. Ich konnte filmen, was immer ich wollte.“ (Juraj Herz)

Ein gewissenhafter Bürger, Angestellter eines Krematoriums in einer kleinen tschechischen Stadt, liebevoller Ehemann und besorgter Familienvater, steigt unter den Nationalsozialisten zum Chefplaner monströser Leichenverbrennungsanlagen auf. Sein Antrieb ist eine krude Mischung aus Antisemitismus, Geldgier und pseudo-religiösem Sendungsbewusstsein. Als Auftakt seiner buddhistisch-nationalistischen Erlösungsfantasien ermordet er seine jüdische Frau und die gemeinsamen Kinder.

Juraj Herz ist in der Umsetzung der literarischen Vorlage von Ladislav Fuks ebenso merkwürdig wie konsequent: So wird der Film fast ununterbrochen vom Redefluss der Hauptfigur Karel Kopfrkingl begleitet, „ein nicht enden wollender, redundanter, suggestiver Monolog.“ (Lars Jockheck) Weitere filmische Mittel gewähren Zugang zu Kopfrkingls Gedankenuniversum. Eine subjektive Kamera folgt seinen persönlichen Blicken, Zerrspiegel und Fischaugen veranschaulichen seine verzerrte Welt, während sein Redefluss weiterläuft – über alle Schnitte und Szenenwechsel hinweg.

So fokussiert der Film nicht nur konkret die verstörende Perspektive seines Protagonisten, sondern behandelt ebenfalls ein lange tabuisiertes Thema: die tschechoslowakische Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Terror.

 


 

DO 29.11. 20:00
Ucho / Das Ohr
CS 1970, 93 min, OmU, digitalDCP
R: Karel Kachyňa, B: Jan Procházka, Karel Kachyňa,  K: Josef Illík

Ein Film über den staatlichen Überwachungsapparat („Das Ohr“) und die daraus resultierende Stimmung der Angst in einem kommunistischen Land, wurde während des Prager Frühlings gedreht und hätte erst nach seiner Niederschlagung aufgeführt werden können – wurde aber direkt nach Fertigstellung beschlagnahmt und mit vielen anderen ideologisch nicht konformen Filmen weggeschlossen. Erst nach der „sanften Revolution“ kam es 1990 in Bratislava zur Uraufführung. Schnell galt DAS OHR als Geheimtipp und wurde 20 Jahre nach Fertigstellung als besondere Würdigung zu den Filmfestspielen nach Cannes eingeladen.

Die Geschichte des Films behandelt die heftige Drangsalierung eines Ehepaares, das deshalb in einen Sog von Paranoia gerät. Anna und Ludvík kehren von einer Abendgesellschaft nach Hause und stehen vor verschlossenen Türen. Dass der verlorene Schlüssel kein Zufall ist, sondern der Beginn eines abgekarteten Spiels von bedrohlichem Ausmaß, wird den beiden sukzessive bewusst. Telefon und Strom wurden abgestellt, Männer schleichen im Garten herum. Während Ludvík die abendliche Feier Revue passieren lässt, wird ihm klar, dass seine Verhaftung kurz bevor steht.

Einführung: Dr. Christina Frankenberg, (stellv. Direktorin Tschechisches Zentrum Berlin)